Österreich – Covid-19 und das Gesundheitssystem

Österreich - Die Nebenwirkungen von Covid-19 im Gesundheitssystem

Es hat im Frühling, inmitten der ersten Epidemiewelle, etwas gedauert, bis sich die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auch auf mögliche direkte Nebenwirkungen der Corona-Krise gerichtet hat. Das gesamte Gesundheitssystem hatte sich in jenen Wochen auf die Behandlung (und zugleich die Abwehr) von Covid-19 fokussiert:

  • Niedergelassene Ärztinnen stellten auf Telemedizin um
  • Ambulanzen wurden gesperrt
  • nicht notwendige Operationen verschoben
  • Behandlungen von chronisch Erkrankten umgestellt.

Dass all dies wohl nicht folgenlos sein wird, wurde damals zwar diskutiert, doch die Sorge vor Corona war größer als jene aufgrund möglicher Kollateralschäden – bei Patienten, bei der Politik, auch in den Medien. Dabei hatte es Anfang April bereits erste aufsehenerregende Berichte über einen massiven Rückgang an diagnostizierten Herzinfarkten gegeben. Kardiologen warnten damals, dass nicht behandelte Infarkte zu Folgeschäden und höherer Sterblichkeit führen würden.

Am Mittwoch hat das Gesundheitsministerium nun eine erste Folgenabschätzung zum Gesundheitssystem während des Lockdowns präsentiert. Und dabei offenbaren sich doch sehr deutliche Leistungseinschränkungen.

Laut der Analyse der Gesundheit Österreich GmbH (GÖG) wurde bis Mai bei Herzinfarkten ein Minus von 25 Prozent verzeichnet (im März waren es noch 40 Prozent). Besonders bedenklich war die Entwicklung bei Krebs und Krebsverdacht, wo ein Rückgang der Spitalsaufenthalte um 20 Prozent beobachtet wurde. Das betreffe sowohl Therapien als auch diagnostische Eingriffe, sagte Karin Eglau von der GÖG.

Ein Beispiel:

Die Zahl der Brustkrebsoperationen ging von rund 500 in Österreich im März 2020 (ähnliches Niveau wie 2019) auf etwa 350 im Mai zurück, sie steigt seither nur langsam an.

„Wenn keine Mammografien erfolgen, können keine Diagnosen gestellt werden. Dann kann man nicht operieren“, sagte Eglau. Sie stellte auch in den Raum, dass Diagnosen verspätet gestellt wurden und deshalb Krebserkrankungen nicht mehr so gut behandelt werden könnten. In diese Richtung gehen auch Aussagen des Onkologen Leopold Öhler des St. Josef-Krankenhaus in Wien. „Wir haben jetzt den Eindruck, dass es einen Anstieg bei fortgeschrittenen Krebsdiagnosen gibt“, sagte er der Tageszeitung „Der Standard“.

Massiver Rückgang bei Spitalsaufnahmen bei Kindern


In der Phase des Lockdowns hatte der Wiener Gesundheitsverbund einen Rückgang bei belegten Spitalsbetten um die Hälfte vermeldet, bei der Inanspruchnahme von Ambulanzleistungen wurde gar ein Minus von 60 Prozent verzeichnet. Das hatte nicht nur mit Einschränkungen und verschobenen Operationen zu tun, sondern auch mit einem Rückgang der Nachfrage. In jenen Wochen hatten viele Menschen Angst, Ordinationen oder Krankenhäuser aufzusuchen. Sie wollten eine Infektion mit dem Coronavirus vermeiden.

Welchen Effekt diese Angst hatte, beschrieb unlängst ein Team von Salzburger und Grazer Kinderärzten in einer in der Fachzeitschrift „Acta Paediatrica“ veröffentlichten Studie. Die Ergebnisse sind dramatisch. Von Mitte März bis Mitte April registrierten sie einen Rückgang gegenüber den Vorjahren um 59 Prozent bei Kinderchirurgie und sogar um 83 Prozent bei der allgemeinen Kinderheilkunde.

Von den 660 jungen Patientinnen und Patienten, die in diesem Zeitraum auf Notfallambulanzen aufgenommen wurden, hatten 33 einen direkten oder indirekten Bezug zu den Covid-19-Maßnahmen, schreiben die Mediziner, nämlich in dem Sinn, dass die Behandlungen zu spät erfolgten. Zwei Drittel der Eltern gaben Angst von einer Corona-Infektion als Grund für das Zuwarten an, 16 Prozent geschlossene Arztpraxen. Bei drei Fällen war der Zustand des Kindes bereits lebensbedrohlich, bei einem beschriebenen Fall starb ein Kind an Unterzuckerung. Die Mediziner schließen aus ihrer Analyse, dass die Folgen von verspäteten Interventionen bei pädiatrischen Akutfällen die Risiken durch Covid-19 für Kinder überwiegen.

In den Ambulanzen herrscht nun wieder mehr Betrieb. „Vom Normalbetrieb sind wir aber noch weit entfernt“, sagt Margot Ham-Rubisch von der Wiener Patientenanwaltschaft. Sie weist auch darauf hin, dass dieser Bereich in ganz Österreich vielfach Aufgaben des niedergelassenen Bereichs übernimmt. Sprich, viele Menschen suchen die Ambulanz statt einer niedergelassenen Fachärztin oder des Hausarztes auf.

Anschober will weitergehende Analysen


Doch auch in diesem Bereich sei es in der Lockdown-Zeit, so Ham-Rubisch, unkoordiniert zu Ordinationsschließungen gekommen. „Es besteht ein Versorgungsauftrag“, betonte die Patientenanwältin, die Ärztekammer und Sozialversicherung sieht sie hier in der Pflicht.

Gesundheitsminister Rudolf Anschober betonte, man wolle mit solchen und weitergehenden Analysen aus der vergangenen Krise für die Zukunft die richtigen Schlüsse ziehen, um das Gesundheitswesen für stabiler zu machen: „Wir wollen eine umfassende Gesundheitsfolgenabschätzung für den Lockdown machen“, sagte der Minister. Es solle ein Gesamtbild über das entstehen, was Covid-19 für die Gesundheit der österreichischen Bevölkerung insgesamt bedeute.(sir/apa)

Quelle: Wiener-Zeitung.at

Bild: Unsplash – United Nations COVID-19 Response